Dieter Prskawetz
Blasewitzer Schulgeschichte


Aufgeschrieben 1996 anlässlich des 120jährigen Jubiläums
der 63. Grund- und Mittelschule in Dresden-Blasewitz
und des 145. Jahrestages der Fertigstellung des ersten Schulhauses im Dorfe Blasewitz

 
Dorfjugend ohne Schulgebäude

 

Bildungsträger Kirche

Im Mittelalter war schließlich zu Familie und ethnischem Kulturgut die Kirche als Institution betreffs Bildung und Erziehung auch im Dörfchen Blasewitz indirekt präsent, jedoch nie so wie beispielsweise in der nahegelegenen Stadt Dresden, wo sie für die Städter an die erste Stelle trat. Schon äußerlich war das an den reichgeschmückten Sakralbauten und gelegentlich an den mächtigen Prozessionen zu erkennen. Da die Kirche zunächst einziger Bildungsträger war, ging aus ihr auch das Schulwesen hervor. Dresden lag in Bezug auf die Ersterwähnung einer Stadtschule nach Leipzig (1254) und Zwickau (1291) unter den sächsischen Städten an dritter Stelle. Am 6. April 1300 wird ein "Cunradus rector puerorum" (Conrad als Schulmeister der Knaben), der der damaligen Lateinschule an der capella sanktae crucis [Kreuzkirche] vorsteht, genannt. Durch die älteste, da erhaltene Schulordnung "Also pilgt man is zu halden in der Schule zu Dresden" aus dem Jahre 1413 erfahren wir, dass die Schüler, die hier in "Haufen" eingeteilt sind, sich in der ersten Klasse der lateinischen Grammatik, in der zweiten der lateinischen Sprachlehre und Logik und in der dritten der Rhetorik, der Mathematik und der Philosophie zu widmen haben. Die Kreuzschule ist nicht die einzige Bildungseinrichtung Dresdens. Je nach Bildungsbedarf und Geldbeutel der Eltern besuchen Kinder des Adels und bessergestellter Bürger solche Schulen. Und das Angebot für die Blasewitzer Bauern? Überwiegend waren die Dörfler hier weiterhin mehr auf sich selbst in ihrem Dasein und Fortkommen gestellt. An eine Schule denken? Welch Illusion! Täglich galt es, ihre und die Existenz der Familie in harter Arbeit zu erhalten; dem Unbill von Natur, Epidemien sowie Kriegseinflüssen zu trotzen und den gesellschaftlichen Verhältnissen ihren Tribut zu entrichten als "Arbeitstiere" jener Zeit.

Also arbeitete der Blasewitzer Bauer noch für den üblichen Zehnt (früher Steuerabgabe) an die Kirche, leistete jährlich drei Frohntage beim Lehnsherrn mit dem Pfluge (ab 1494 als "Pfluggeld" zu entrichten) und hatte vor allem Zinsen an jene zu zahlen, die ihm Grund und Boden überließen: Das waren zuerst die Burggrafen von Dohna, denen er zur Lieferung des so genannten "Wachkorns" verpflichtet war und nach der Zerstörung der Burg Dohna (1402) die Markgrafen. 1480 gelangte Blasewitz in die Hand der Kreuzkirche, die nun jene 3 Schock 42 Groschen 4 Pfennige 1 Heller von den acht Blasewitzer Häuslern über das Brückenamt erhielt. Gewiss war diese Steuer im Vergleich mit den Abgaben anderer Dörfer nicht zu hoch, was aber vermutlich an den sandigen Feldern lag, die nicht viel einbrachten.

Doch die Abgaben mussten sein, waren sie doch "gottgewollt", wie die allmächtige Kirche den Bauern zu sagen pflegte. Wenn sie auch sonst nicht viel von ihr zu lernen aufbekamen - das wussten sie. Von der Taufe bis zur letzten Ölung wurden sie immer von neuem an die Satzungen gebunden, die zum geduldigen Ausharren in den Nöten der feudalen Wirklichkeit sowie zur unwandelbaren Treue und zum unverbrüchlichen Gehorsam gegen die angeblich von Gott gesetzten Obrigkeiten aufforderten. Wer wollte schon Höllenqualen erleiden. Jeder hoffte auf ein besseres Jenseits. Nicht nur die Bauern hatten damit so ihre Vorstellungen verbunden.

Die von den Blasewitzer Bauern an die Kirche zu zahlende Steuer hängt unmittelbar damit zusammen. Die Sache wirft zudem ein bezeichnendes Licht auf die Situation am Vorabend der Reformation. Die Familie Kundige, deren Name einst einer Gasse zu Dresden verliehen worden war, erwarb neben Grundstücken um die Stadt unter anderem auch jene Zinsen, die 1480 von Blasewitz an die Kirche übergingen. Übersteigerte Religiosität mit Wunderglaube und Heiligenverehrung führte hier wie bei den ungezählt anderen Gaben an die Kreuzkirche dazu, dass ein Bauer, der sich doch einmal dorthin begab, mächtig über die Macht der Kirche erschrak und demütig in sich ging. In der Messe mit ihrem an alle Sinne rührenden Gespränge, der Architektur der Kreuzkirche und deren künstlerischem Schmuck, mit den dort aufgeführten Mysterienspielen, durch den Glanz der priesterlichen Gewänder, den feierlichen Gesang, das geheimnisvolle Latein der Liturgie und den betäubenden Duft des Weihrauchs wurde dem Bäuerlein ein Unterricht besonderer Art zuteil. Und die Familie Kundige trug auch ihr Scherflein dazu bei. Die Sorge um sein Seelenteil stand für den Menschen des Mittelalters im Vordergrund. Den Missbrauch der Reliquienverehrung durch die Papstkirche und deren Geschäftsgebaren, gegen Geldabgabe Sündenstrafen zu erlassen, nutzte die Kreuzkirche wohl auch, um an die Familie Kundige heranzutreten. Gemäß dem biblischen Wort, wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert, überschrieb die Familie der Kirche einige Besitztümer, u. a. das von Blasewitz, was ganz gewiss zur Beförderung des Seelenheils gerechnet wurde.

Allein nur so dargestellt, könnte der Eindruck entstehen, es wäre primär von der Kirche alles erst initiiert und erdacht worden, um ausschließlich das Geld zu scheffeln. Letztlich half sie tatsächlich, in dieser Endphase des Mittelalters auf päpstlichen Geheiß immens nach. Das Auftreten des Predigers und Ablasshändlers Johann Tetzel 1508 und im darauffolgenden Jahr in Dresden ist freilich ein weiteres drastisches Anschauungsbeispiel dafür. Doch vergessen wir nicht, dass die Menschen jener Zeit schutzlos grassierenden Epidemien wie der Pest, Naturkatastrophen wie den Hochwasserfluten und vor allem Mord, Zerstörung und Plünderungen außerhalb der Stadt ausgesetzt waren und schon deshalb selbst nach Wundern aus der Not suchten, möglichst schon auf Erden, zumindest aber in der Ewigkeit unbehelligt bleiben wollten. Blasewitz lag ja auch außerhalb der Stadtluft, die frei machte. Blasewitzer waren zwar frei von der Schulbildung, um Besitz und Leben hatten sie sich in der Tat Gedanken zu machen. Da sie kaum wirkungsvolle Alternativen kannten, wird man dem Wort der Kirche schon gern und willfährig begegnet sein.




 

Wissensvermittlung in den Familien des zweisprachigen Blasewitz

Schon vor der Ortsbenennung des ursprünglichen Fischerdorfes hielt man es hier so: Die Sicherung des Lebensabends und der Lebensrisiken wie Invalidität oder Krankheit war Aufgabe der unmittelbaren Lebensgemeinschaft, also vor allem des Familienverbundes. Die Verantwortung füreinander funktionierte in einem einfachen Familienvertrag, der mehr war als ein Generationsvertrag: Der Starke sorgte für den Schwachen, der Gesunde für den Kranken und die Eltern für ihre Kinder in der selbstverständlichen Erwartung, dafür später von ihnen mitversorgt zu werden. Damals war die für unsere Zeit charakteristische Trennung von Familie und Erwerbsarbeit ebenso unbekannt wie die strikte Abschaffung der einzelnen Lebensphasen voneinander. Kinder wuchsen in die Arbeit hinein, indem sie den Eltern halfen, sobald dies ging. Und die Alten zogen sich nicht abrupt, sondern langsam und in Etappen aus dem Arbeitsleben zurück. Ort der Bildung und Erziehung des Nachwuchses war also die Familie. Im Allgemeinen galt auch hier bis zum 13. Jh. für die an diesem Ort ansässigen Fischer und Bauern, da zunächst die Entwicklung in der Landwirtschaft insgesamt äußerst langsam vor sich ging, was sie an ihre Kinder weiterzugeben vermochten, unterschied sich kaum von dem, was sie selber einmal von ihren Vätern gelernt hatten. Dazu genügte eine überkommene und gelegentliche Belehrung in Verbindung mit dem üblichen Vormachen und Nachmachen. Das änderte sich jedoch wesentlich, als im 13. Jh. im Zuge der zweiten deutschen Ostexpansion (siehe Karte) sich bei den Sorben nun vor allem Franken in Blasewitz ansiedelten. Von nun an schauten sich, wie man so sagt, sorbische und deutsche Familien gegenseitig über den Zaun, bis man - aus der Namensforschung zu den acht Blasewitzer Hufnern geht das hervor - miteinander versippt und verschwägert war.

Kinder wie Ältere der deutschen Ansiedler erlebten und erlernten den Fischfang der Sorben, eine wirtschaftliche Quelle, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein in Blasewitz genutzt wurde. Symbolischer Ausdruck dafür dürfte noch heute das Ortswappen von Blasewitz sein. Allerdings beobachteten die Neuansiedler hier nicht das Fischen mit derartigen Booten. Die der Nisanen waren flach ("Prahm") und vermutlich wurden in dem Flachwasser auch Reusen verwandt. Von der Sammelwirtschaft der Sorben, deren Wirtschaftsbetrieb noch nicht entwickelt war, übernahmen die deutschen Familien die von den Nisanen angeregte Waldbienenzucht und setzten sie mindestens während des 14. und 15. Jh. fort, wie das aus Verzeichnissen Blasewitzer Abgaben hervorgeht, wonach anfänglich ein Honigzehnt entrichtet werden musste, sowie in der Folge Honig- und Wachszins nachgewiesen sind. Die Sorben hier sammelten aus den Nestern der Baumhöhlen des riesigen Waldbestandes in der Umgebung den Honig und das Wachs. Eine Menge mehr an wirtschaftlicher Erfahrung gewannen die Sorben bei den jetzt angesiedelten Franken.

Auf einer ersten Blasewitzer Flurkarte des Jahres 1480 sieht man wie die Landschaft bereits licht und freundlich geworden war - das Ergebnis deutscher Wirtschaftsweise. Aus der Einsicht in die Vorteile derselben verschwanden gewiss vorhanden gewesene verstreute kleine Feldstücke zwischen Weide und Gehölz gelegen und machten nun den wohlgeordneten Gebreiten mit regelrecht wechselnder Bestellung Platz. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Franken übertraf die der wohnenden Nisanen bei weitem, vor allem dank der vollkommeneren Wirtschaftstechnik. Und so lernten die Sorben diese bald mit Erfolg zu nutzen. Die nisanische Dorfjugend wird sich naturgemäß dabei besonders engagiert und der hier neuen Dreifelderwirtschaft mit zum Durchbruch verholfen haben. Mit den Franken hielt auch der Obstanbau in Blasewitz einzug. Dabei muss der ihnen aus der alten Heimat vertraute Weinanbau eine Rolle gespielt haben, denn Weingärten, so genannte "Weinberge", sind hier belegt. Unproblematisch wäre das für die Südhänge von Loschwitz gewesen, doch hier? Zum Nachmachen für die Sorben wohl eher nichts. Ob sie den Mund verzogen, darüber schweigen sich die Chroniken aus. Aber viel muss nicht geerntet worden sein (1689 an einem "Weinberg" gerade eine handvoll).

Imposant war dagegen die Art der Anlage des Dorfes wie die Neuen sie betrieben. Die Nisanen hießen sich durch die Franken von solchem Bauen überzeugen und übernahmen es selbst, indem sie auch die Bauweise erlernten. Auf den alten Grundrissen entstand so ein völlig neues Dorf.

Durch Heirat wird der gewiss bei den Nisanen bestaunte mannigfaltige fränkische Hausrat mit in die Hauswirtschaft überkommen sein (reichlich Geschirr aus Holz, Ton, später Zinn und Glas, Leuchter, Truhen, Kästen und dgl., Tisch, Bank, Sessel, Bettstelle, Decken, Spinnrocken allerlei Geräte zur Feldarbeit und Rohstoffverarbeitung, Kleidung und einiger Schmuck), was weiteres Umdenken und manchmal völlig neuen Lebensstil nach sich zog. Das setzte zum Teil bäuerliches Handwerk voraus, welches nun Mädchen und Jungen beiderlei Nationalität zu erlernen begannen, oder sie kauften auf dem Loschwitzer Markt bzw. dem von Dresden, was sie begehrten und brauchten. Es ist denkbar, dass die Jungen einem Schederich bei der Schmiedearbeit zuschauten. Es wird kein Franke gewesen sein (Blasewitzer Namenforschung). Der Name bedeutet, dass bereits ein Vorfahre von ihm Schmied war. Aus den Weidenruten vom Elbufer werden schon die Kinder gelernt haben, Körbe zu machen.

Nicht alles wirkte progressiv für das Dörfchen Blasewitz. Wir erfahren, dass in den achtziger Jahren des 15. Jh. die Elbe öfter über die Ufer trat und die Felder überschwemmte; es wird Kunde gegeben von den Klagen der Bauern über erhebliche Wildschäden. Wir lesen von dem schwarzen Tod, der Pest, der "gefährlichen Sterbensseuch" wie man diese Folter der Menschheit nannte, die damals in Dresden wütete; wir haben Berichte über die "Plage durch die Zigeuner - diesem räuberischen und zauberischen Volk", wie es allgemein bezeichnet wurde, dies seit etwa 1418 das Meißner Land durchzogen, und lesen von der wirtschaftlichen Krisis der Bauern. aber gemeinsam trugen Deutsche und Sorben jene schweren Lasten, die sich ihnen entgegenstellten.

Ohne Schulgebäude und Unterrichtsraum lernte die Jugend in der Schule des Lebens. So hatte sie gewissermaßen Natur- und Völkerkunde, Hauswirtschaft, Pflanzenunterricht ohne Schulgarten, Werkunterricht und Techniklehre. Lehrmeister war in der Regel die Familie in dieser wirtschaftlich-sozialen Umwälzungszeit im Dörflein Blasewitz des alten Offenlandes, bevorzugt von den Nisanen, in der Nähe Dresdens, wo der Rodepflug eine immer lichtere Umgebung schuf.

Und noch etwas war geschehen, was sich besonders fruchtbar auf die Menschen hier ausgewirkt hatte - das Zusammenwachsen zweier Kulturen. Sie bestimmten, wie wir gerade geschildert sahen, Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen im Alltag des Zweisprachengebietes aber auch zu festlichen Anlässen, wovon nun noch die Rede sein soll.

Karte Einwanderung der Deutschen nach 1150
 


Quelle: Karlheinz Blaschke, Sachsen-Spiegel (Zeitung) 7. Sept. 1990

  

Unterrichtsplatz Dorflinde

Um 1480 wird man am Dorfplatz (heutiger Schillerplatz) unter der Dorflinde, wo sich der Brunnen befand, kaum noch einen Dörfler rein sorbischer Abstammung angetroffen haben. Die einstigen Nisanen aus der Zeit, als die Deutschen hierher kamen, sind aufgegangen in deren Familien; vielleicht ist auch ein Teil abgewandert. Das gemeinsame Leben hier, sowohl Christianisierung und die übrige Landespolitik ließen die Verschmelzung beider ethnischer Volksgruppen von der der Sorben in Sachsen immer weniger übrig. Im Jahre 1424 wurde der sorbische Sprachgebrauch vor Gericht aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt war die Vermischung und Eindeutschung der sorbischen Sprache im Dresdner Raum im Großen und Ganzen vollendet. Aber man vermutet, dass es noch bis um 1500 ein gemeinsames Sprachgebiet der Glosnaci oder Daleminzer und der Nisanen gab. Es war nur noch eine Frage der Zeit und das "Fach Sorbisch" vom Blasewitzer Lehrplan verschwunden. Längst trugen die Flurgrundstücke von Blasewitz rein deutsche Bezeichnungen: Hasen-Gehege, am Zeugbach, am Gakenbach (Gänsebach), am Meisengrund, am Steinberg und am Schwalbenkopf. Aus der Sorbenzeit geblieben waren nur noch in den Namen der Dorfbewohner und im Ortsnamen selbst Lautungen, die auf den sorbischen Ursprung schließen lassen.

Überraschend ist da schon ein Foto von 1912, das anlässlich der eingangs erwähnten Festveranstaltung in der damaligen Bürgerschule an der Wägnerstraße aufgenommen wurde und Frl. Lotte Scholze als "Gustel von Blasewitz" in einer wunderschönen Tracht zeigt, die den sorbischen in der Lausitz ähnelt, dem Kenner aber bei näherem Hinsehen verrät, ja es ist eine der den sorbischen Trachten ähnelnden noch dazu die, welche bis Anfang vergangenen Jahrhunderts in unserem kleinen Elbdörfchen und in der Umgebung getragen wurde. So hatte sich sorbisches Kulturgut wenigstens in der Form noch lange erhalten und viele Generationen bis zum Anfang unseres Jahrhunderts in dieser Gegend erfreuen können.

Es gab allerdings nicht nur eitel Freude zwischen den Menschen im 14./15. Jh. und ungetrübte Stimmung der Dorfbewohner. Ende des 15. Jh. war in Sachsen nur noch jeder zweite arbeitende Mensch in der Landwirtschaft tätig, der andere Teil in der Stadt. Doch gerade die Städter machten den Bauern hier das Leben schwer. Aufgrund des kargen Bodens und der nicht allzu üppigen Blasewitzer Fluren sowie durch die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Vorreformationszeit gerieten wie schon erörtert die Blasewitzer Bauern nicht selten in Nöte. Diese wurden vor allem noch dadurch vergrößert, dass sich der Hufner bei Dresdner Wucherern Saatgut und Geld gegen hohe Zinsen leihen musste. Nicht selten nutzten Kaufleute die Not aus und erwarben Getreide bereits vor der Ernte zu niedrigen Preisen. Die Schulbildung der Städter wird gewiss solches Kalkulieren gegen die "Ungebildeten vom Dorfe" begünstigt haben.




Wenn man bedenkt, dass die Dresdner Zünfte unverhältnismäßig hohe Preise für ihre Waren verlangten und in den Pestjahren nur wenige landwirtschaftliche Produkte abgesetzt werden konnten, rundet sich das Bild zur Lage der Blasewitzer Bauern nicht sehr schmeichelhaft für weltliche und geistliche Obrigkeiten, die sich schon zur Schulzeit in verfeinerten Sitten übten. Schon der Zustand, dass die Geistlichen an dem Frauen- und Dirnenhaus in der Frongassengegend östlich des Dresdner Altmarktes, 1415 erwähnt, verdient hatten - es verschwindet mit der Einführung der Reformation - lässt weitere Schlüsse auf die schweren Missstände zu, die nach Schärfung des Gewissens im moralischen Verfall der Städter verlangte.

Nicht genug, dass auf dem Blasewitzer Bauern die schon geschilderte Last ruhte, den Spott bekam er obendrein. Von den Städtern wurde er sehr verächtlich behandelt und als "Karrensetzer" sowie "Ackertrapp" bezeichnet. Er war auch im wörtlichen Sinne für die damalige Gesellschaft unter weltlicher und geistlicher Feudalität nur das "Lasttier". Ein Spottzeiler der Dresdner belegt es:

"Der Bauer ist am Ochsen statt, nur dass er keine Hörner hat."

Stolz aber blieben die Betroffenen, getragen durch eigene Sitte und Kultur. Der Bauer vermittelte seinem Sohn die Tätigkeit des Pflügens in anderem Zusammenhang, der darauf hinauslief, dass die Städter ohne seine Tätigkeit gar nicht auskämen. Das Zusammensein unter der Dorflinde tat das übrige. Auch hier kam die Dichtung zum Tragen und erschloss insbesondere der Jugend jene damalige Welt, die weit über die Fluren von Blasewitz reichte. Man hörte neben den beliebten Abenteuergeschichten und Märchen, Lieder über Kriegszüge der Fürsten, von Helden und Recken sowie derbe Landsknechtsverse auch neckische Volksweisen und wie angekündigt, gesungene Spottgeschichten über die Peiniger der Bauern. Gelegentlich kam nämlich ein Spielmann zu Besuch in das Dorf, wo seine Geschichten und Volksweisen in der Regel mit einem Krug Wein honoriert wurden. Auch sonst ging es unter der Linde nach der Tagesarbeit recht lustig zu. Gesellige Spiele wurden veranstaltet, bei denen gerade die Jugend nicht zu kurz kam. Besonders die so genannten Maispiele, bei denen ein Federball im Kreise der Ortsbewohner von einem zum anderen geworfen wurde, begleitet vom Gesang der Mitspieler, bereiteten großen Spaß.

So vollzog sich das Leben am Ende des 15. Jh. außerhalb des Kulturgefüges. Höfische Gesittung und Gesinnung waren den Bauern ebenso fremd und unverständlich wie die lateinische Liturgie der Gottesdienste oder die haarspalterischen Feinheiten scholastischen Denkens. Die Blasewitzer lebten bescheiden, es gab keinen höfischen Zwang und keine steife Etikette, das Leben spielte sich in denkbar natürlichen Formen ab. Großmannssucht wie sie die Dresdner zur Schau trugen, lag ihnen fern.
 

Blasewitzer Dorfplatz um 1800

Der Blasewitzer Dorfplatz mit Brunnen und Dorflinde im Hintergrund - Colorierter Stich von J. C. A. Richter um 1800

 

Lernen in der Hand der Kreuzkirche

Eine neue Epoche war bereits seit dem letzten Drittel des 15. Jh. angebrochen, die Neuzeit. Eine die ganze Gesellschaft - geistliche und weltliche Ordnung in ihrer Gesamtheit - erfassende Krise drückte sich in dem Ruf nach einer Reformation aus. Mit Beginn des 16. Jh. verlor die römische Papstkirche unwiderruflich ihren einstmals bestimmenden Einfluss auf das geistige und kulturelle Leben im albertinischen Sachsen. Humanismus und Reformation fielen hier auf fruchtbaren Boden, denn Sachsen war im Vergleich zu anderen deutschen Ländern in seiner wirtschaftlichen, kulturellen und staatlichen Entfaltung weiter fortgeschritten, ja mitunter gar führend. Sachsen hat aber auch die unmittelbaren Rückwirkungen von der Reformation auf seine allgemeinen Verhältnisse als einen kräftigen Schub nach vorn erfahren, mit dem es in die Neuzeit eintreten konnte. Anfang des 16. Jh. war die Entwicklung Sachsens als das führende Land des Protestantismus sowie als Ausgangspunkt und Zentrum der Reformation enger mit der nationalen Geschichte verbunden als in den Jahrhunderten zuvor und auch danach (bis Mitte des 19. Jh.).

Schulfragen gewannen an Bedeutung, brauchte doch der sächsische Staat zunehmend mehr Geistliche, Juristen, Beamte und Gelehrte. So war es nicht verwunderlich, dass im Reformationszeitalter das sächsische Schulwesen insgesamt und das Gelehrtenschulwesen im Besonderen einen sichtbaren Aufschwung nahmen. Hier ging im 16. Jh. eine allgemeine Profilierung des Schulwesens vor sich. In Sachsen gab es Ende des 16. Jh. 103 städtische Lateinschulen, denen der Renaissancehumanismus einen neuen Anspruch gesetzt hatte. An den drei sächsischen Fürstenschulen Schulpforte und Meißen (1543) sowie Grimma (1550) erfuhr dieser eine besondere umfassende Verwirklichung. Neben den Lateinschulen gab es noch so genannte "deutsche" Schreib-, Lese- und Rechenschulen. Die erbärmlichen Klipp- und Winkelschulen ergänzten für die niederen Bevölkerungsschichten das Bildungsangebot.

Martin Luther (Ölgemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1522) Schulpolitische Forderungen des progressiven Bürgertums aufgreifend, wandte sich Martin Luther über die Erziehung in der Familie hinaus dem allgemeinen Schulwesen zu. 1516 durch von Staupitz zur Visitation einiger Augustinerkloster verpflichtet, lernt Luther die Missstände im Schulwesen dieser Zeit bewusst zu erfassen und nahm selbst Einfluss auf die Gründung von Schulwesen und deren Organisation. Mit zwingender Konsequenz baute Martin Luther in seiner bedeutungsvollen reformatorischen Schrift "An den christlichen Standes Besserung" (1520) seine Vorstellungen zur Hebung des allgemeinen Bildungswesens aus. Diese wurden seinem Reformationsprogramm unerlässliche Vorbedingung für die Gewährleistung zeitgemäßer politischer und sozialer Rechte durch staatliche Verwaltungen. Hatte Martin Luther auch der Ausgestaltung des höheren Bildungswesens den Vorrang eingeräumt, so beklagte er doch nachdrücklich:

"O wie unglücklich fahren wir mit dem
armen jungen Haufen der uns befohlen
ist zu regieren und zu unterweisen...
Die Jugend hat niemand. Es geht jedes hin,
wie es geht und sind ihnen die Obrigkeiten
ebensoviel nütze, als wären sie nichts."

Er empfahl "niedere Schulen" auch für die Mädchen einzurichten. In seiner größten pädagogischen Schrift "An die Ratsherren aller Stände Deutschlands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) forderte er "... die allerbesten Schulen beide für Knaben und Maidllein an allen Orten aufzurichten". Für ihn ist es "Sache der Obrigkeit", Erziehung und Bildung der Kinder zu gewährleisten - nicht mehr Privileg des Klerus oder ausschließliche Verpflichtung der Eltern. Beschränkte sich die Elementarbildung im Mittelalter auf progressives Engagement von Räten und Zünften für wenige Menschen - für die Millionen zählende Landbevölkerung gab es kaum Bildungsmöglichkeiten -, kamen nun bei der grundlegenden und praktischen Ausgestaltung des Elementarschulwesens Luthers Anregungen und Forderung zum Tragen. Die Humanisten um Luther und Melanchthon setzten auf neue Maßstäbe für menschliche Würde auf Moral und Erkenntnisprinzipien der griechischen Antike, die den Menschen als "Maß aller Dinge" verpflichtet waren. Von Melanchthon, Luthers großen Helfers in Bildungsfragen, stammten nicht nur Lehrbücher für den Griechisch- und Lateinunterricht, sondern auch die von ihm entworfene "Kursächsische Schulordnung" von 1528.

Nur der Landesherr konnte, nachdem sich die Bischöfe dem Werk der Reformation versagt hatten und ein neues Gefüge der kirchlichen Verwaltung aufgebaut werden musste, als Träger des Bildungswesens in Frage kommen. Die kirchliche Lage änderte sich grundsätzlich erst nach dem Tode des Herzogs Georg am 17. April 1539. Sein bereits evangelisch gewordener Bruder Heinrich übernahm sofort die Regierung im Dresdner Schloss und führte in den folgenden Wochen zügig die Reformation im albertinischen Herzogtum Sachsen ein.

 
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